
Schlitten fahren leicht gemacht
Ein Meeresrauschen. Wir befinden uns in der Karibik, bei 34°C, Palmen, Sonnenschein und Strand pur. Ein Mann, ein Bart. Junge Leute tuscheln: „Hast du den gesehen?“ „Ja, also, der sieht aus . . . “ „ . . . sieht aus wie – das kann nicht sein.“ „Vielleicht machen die hier heute Abend so eine Art Look-a-like-Contest!?“ „Glaub ich nicht.“ „Das ist einfach irgendein Spinner, der an Weihnachten zu viele von diesen kitschigen Hollywood-Produktionen gesehen hat.“ „ . . . und hat dazu noch zu viel Sonne abbekommen.“ „Ganz bestimmt.“
Der Beäugte wechselt vom Rücken auf den Bauch, lässt alle viere gen Boden hängen und es sich richtig gut gehen. Sein flauschige Gesichtsbehaarung dient als Kissen und die Liege dehnt sich unter seinem nicht zu geringen Gewicht.
„Das muss doch unangenehm sein.“ „Was meinst du?“ „Sieh dir doch diese Wolle an, die der im Gesicht trägt.“
Der Wollträger schnappt mit den Lippen nach einem Röhrchen. Nach einigen Fehlversuchen hat er es geschafft und dockt an. Lecker, dieses Kühlgetränk hat seinen Namen verdient. Beach-Cocktail-Coconut-Kiss-Deluxe, nennt sich der Zaubertrank. Er nimmt einen ordentlichen Zug. Anschließend lässt er das azurblaue Sauggerät wieder ins Glas entweichen.
„Sieh mal, was der trinkt. Das will ich auch!“
Das Handy klingelt. Jingle-Bells, Jingle. Die Liege entspannt sich. Eine Hand bewegt sich in Richtung einer Jutetasche im Sand.
„Bei dem ist wohl echt eine Leitung durchgebrannt!“
Eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung: „Es gibt Neuigkeiten. Kommen Sie sofort ins Büro – ohne Umwege. Wo sind Sie überhaupt? Wo auch immer – morgen sind Sie da!“
Eher widerwillig nimmt der Betroffene das Gesagte entgegen. Aber was muss, das muss. Zwar befindet er sich gerade im Urlaub, aber alles geht eben nicht. Seine Job hat Vorrang – ist schließlich allgemeinnützig und unabdingbar für die Kleinsten der Kleinen. Er verlässt die Horizontale, legt seine schwarze Sonnenbrille an und erinnert dabei an einen Großvater in geheimer Mission.
„Jetzt bin ich baff. Sieh dir die Brille an. Ist die nicht von . . . “ „Ganz schön modern für einen Scheintoten.“
„Das möchte ich überhört haben. Einen angenehmen Urlaub wünsche ich. Grüß Gott.“ Er geht wie ein Herr im besten Alter, schreitet geradezu rehgleich von dannen. Also relativ gesehen, in Bezug auf das Alter – die Kirche soll schließlich im Dorf bleiben, wo sie hingehört.
Kurz und gut: Der Schlitten steht bereit, verlässt die Anlage im Flug. Natürlich so, dass niemand etwas mitbekommt. Das ist Regel Nummer Eins. Alle anderen Regeln gewinnen erst wieder im kommenden Winter an Bedeutung.
Stunden vergehen. Durch die Luft und durch die Nacht. Der Verkehr hält sich um diese Zeit in Grenzen.
Das Büro ist in Sichtweite, eine letzte Rechtskurve – Ausfahrt nicht verpassen – die Bremsen werden gesetzt. Ein Wolkenhaufen dient als Parkgelegenheit, ist sogar reserviert für Weihnachts, Mann XIV.
Die Zugführer erhalten ihren wohlverdienten Lohn in Form von Futter und Wasser. Der Oldie betritt das Büro seines Vorgesetzten. „Schön, dass Sie da sind. Wir haben eine neue Anweisung von ganz oben: Ab sofort wird der Notfall bereits im Sommer geprobt. Ob’s Ihnen gefällt oder nicht – der erste Testlauf ist gleich übermorgen.“
Stets zu diensten. Er nimmt den letzten Schluck aus seiner Andenkenflasche – karibischer Rum vom Feinsten – und sucht danach schnurstracks seine kuschlige Einzimmerwohnung auf. Nebenbei muss erwähnt sein: Der Schlitten läuft neuerdings auch mit Autopilot – wurde erst kürzlich modernisiert.
Der Tag zur Probe ist gekommen. Das Gespann bereit, lässt sich auch der Herr der Geschenke nicht zweimal bitten. Er sattelt auf, schwingt die Zügel und setzt sich in Fahrt. Sein Trainingsgelände: Paris – bei Nacht. Regel Eins geht bekanntlich über alles. Ist außerdem auch eine Anweisung von ganz oben.
Den Schlitten gut bepackt, folgt ein erstes Ausliefern bunter Pakete – natürlich wird nur so getan, als ob, schließlich sollte, man Mitte Juli keine Schornsteine mit Geschenken füllen. Was würden denn die Kinder denken . . .
Das Ganze etwas abgekürzt: Die Übung steht im Vordergrund und macht bekanntlich auch den Meister. Obwohl in diesem Fall der Meister wahrhaft vom Himmel . . . , aber lassen wir das. Die Arbeitgeber konnten sich mit ihrer Forderung und der Aktion nach mehr Sicherheit am Himmel durchsetzen und die Arbeitnehmer haben dem nachzukommen. Als Kompromiss wurden die Bezüge derselben erhöht. Ab sofort gibt’s die doppelte Ladung Mozartkugeln vom 24.-26.12. Gar nicht günstig der Spaß – aber Sicherheit geht vor, auch dort oben.
Einige Bremsentests folgen. Der Schlitten quietscht und tut – die üblichen Geräusche. Auf dem Prüfbogen kann an der Stelle Bremsencheck ein Häkchen gesetzt werden. Anschließend gibt der Alte Gas, beschleunigt, bis die Hufen heißlaufen. Auch in Ordnung, Tempo erreicht. Wenn es einmal schnell gehen muss – die Rentierstärken sind bereit, wurden gut genährt in der Zwischenzeit.
Dächer über Dächer, Altbauten, Reihenhäuser: Alle sollen sie überflogen werden. Die Arrondissements werden nach und nach abgeklappert, von zwanzig nach eins, eins nach dem Anderen. Nicht wenig Arbeit. In weiser Vorahnung, den Job macht er mit Links, zieht er sein Andenken unter dem Mantel vor. Ein Schluck Rum schadet selten.
Aus dem Schluck werden drei und seine Mundwinkel wissen das zu schätzen. Zwar ist der Urlaub Vergangenheit, gut gehen lassen steht trotzdem auf der Tagesordnung. Gerade als sich der fliegende Lieferservice in etwas freieren Gefilden bewegt, gönnt er sich versunken in Gedanken einen Blick aufs Panorama und vergisst für einen Moment die Augen für den richtigen Weg.
Seine Zugführer machen sich bemerkbar, er kommt zur Besinnung und kann im vorletzten Augenblick den Schlitten herumreißen, um den Eiffelturm zu umfahren, statt ihn mitzunehmen. In voller Fahrt ist eine solche Aktion jedoch nicht gerade das gelbe vom Ei. Die Folge: Das Gefährt schlingert, von links nach rechts und rechts nach links. Legt dann eine scharfe Kurve hin und muss zu alledem noch dem nächsten Häuserblock ausweichen. Der Rauschebart-Träger kann sich nicht halten und geht über Bord – mit seinem Kopf voraus in einen der Schornsteine. Nun steckt er fest und fuchtelt mit seinen Beinen wild in der Luft herum. Ja ist denn schon Weihnachten? Einen seinen Schuhe trägt er noch, der andere wurde von der Dachrinne aufgefangen. Zum Glück besitzen die da oben eine gute Versicherung.
Sachen gibt’s . . .
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